uch die nächsten beiden Tage vergingen auf ähnliche Weise und brachten mich der Verzweiflung immer näher. Alesia musste sich getäuscht haben, als sie meine Mutter für eine Artista gehalten hatte. Sie war Fiora Cellini, die Frau eines einfachen Hofmalers von ebenso einfacher Geburt und nicht Fiora Vestini, die große Fürstin von Serrina. Und obgleich ich die Frustration mit jeder Faser meines Körpers spürte, brachte der Gedanke auch eine gewisse Erleichterung mit sich, war ich also doch genau das, wofür ich mich mein Leben lang gehalten hatte.
Ich wusste nicht mehr weiter. Mein Vater hatte Angelina und mich jede erdenkliche Technik gelehrt, die er selbst kannte und ich konnte ein beinahe perfektes Abbild von Andrea Luca auf das Pergament bringen. Es blieb jedoch immer nur ein Abbild, ohne ein eigenes Leben zu besitzen wie die Bilder Alesias, die sich bewegten und die zu zeigen vermochten, was der Dargestellte erlebte.
Musste ich dazu etwa eine Sprache der Magie beherrschen, so wie sie es offenbar tat? Aber wenn dem so war, hätte Alesia mich doch niemals dazu veranlasst, nach der Magie in meinem Blut zu forschen, denn sie wusste ebenso gut wie ich, dass ich diese Sprache niemals erlernt hatte.
Ich ahmte jede Linie nach, so gut ich es aus dem Gedächtnis zu tun vermochte, doch das Ergebnis blieb stets das Gleiche. Kein Funkeln trat in Andrea Lucas Augen und sein schiefes Lächeln erwachte nicht zum Leben.
Resigniert blickte ich auf meine geschwärzten Hände hinab und betrachtete mein Gesicht mit den dunklen Augenringen, die von Schlafmangel und Erschöpfung zeugten, in der kupfernen Schale, die mit Wasser gefüllt neben mir stand und in der ich die schwarze Kohle abwaschen wollte, um die helle Haut darunter zum Vorschein zu bringen. Meine Finger schmerzten von der langen Arbeit und das Licht schwand bereits und würde bald das Wüstenvolk aus seinen Zelten locken, um das große Feuer zu entzünden wie in jeder Nacht zuvor, in der Geschichten erzählt worden waren.
Gedankenverloren strichen meine nassen Finger übereinander, während sich das klare Wasser schwarz verfärbte, als ich den Ring mit dem großen Rubin zum ersten Mal seit langer Zeit wahrnahm. Den Ring, den Andrea Luca mir geschenkt hatte, bevor ich zum Ball des Fürsten gegangen war.
Ich hatte ihn seit dieser Zeit nicht mehr abgelegt und wann immer ich ihn sah, musste ich an Andrea Luca denken und an die Zeit, die wir miteinander verbracht hatten. Die Kanten des Rubins, in seiner goldenen Fassung, schnitten in meinen Daumen, als ich ihn dagegen presste und einer plötzlichen Eingebung folgend die Kohle wieder zur Hand nahm.
Die Stimmen vor dem Zelt verstummten, als mein Verstand alles um mich herum ausschloss und nur noch mich selbst und das Pergament vor mir auf dem Boden zurückließ. Mir war, als wäre es um mich herum dunkel geworden, als ob das Licht nur noch auf das Pergament gerichtet war und auf nichts anderes mehr.
Nichts war mehr wichtig, als die Erinnerungen kamen und mich mit sich fortrissen, während meine Hand mechanisch die Linien auf das Pergament zeichnete und Andrea Luca dort vor mir zum Leben erwachte. Es war anders als zuvor, denn ich legte keinen Wert mehr auf die Genauigkeit eines Schattens, sondern legte alles, was ich bei seinem Anblick empfand, in die Striche, die ich zeichnete. Diesmal entstand ein Portrait, das nicht wie die anderen zuvor durch Technik dominiert wurde, sondern allein durch mein Gefühl. Die vertraute Übelkeit stieg in meinem Magen auf, doch diesmal lag etwas anderes darin, etwas, das sie schnell beruhigte und mich beinahe schweben ließ. Das fremde Gefühl verdrängte das Unwohlsein, das ich stets in Anwesenheit von Magie empfand, und tauschte es durch ein merkwürdiges Gefühl des Fließens aus, das durch meinen Körper strömte und seinen Weg in meine zeichnende Hand fand. Es war ähnlich, wie die Kühle des Wassers, die ich damals in der Gegenwart der Prinzessin empfunden hatte, und es beruhigte meinen Körper und all meine Sinne.
Wie in einem Traum, blickte ich auf das Bild vor mir hinab und strich sanft darüber, ohne zu wissen, was ich tat. Ein Glühen ging von meiner Hand aus, ein warmer Schein, der aus mir herausfloss und dann auf das Bildnis herabströmte.
Die schwarzen Linien überzogen sich mit Farbe und zeigten mir bald die gebräunte Haut Andrea Lucas, seine unergründlichen dunklen Augen und den vollen Mund, der von dem Schatten eines Bartes umgeben wurde, der durch keine Rasur zu erhellen war. Sein Haar glänzte rabenschwarz und weich im Licht des sanften Fackelscheines. Doch dann entschwand das Bild vor meinen Augen und wandelte sich, zeigte mir Andrea Luca, wie er von Wut gezeichnet durch den Palast des Sultans stürmte und eine Tür aufriss, die ich in der Geschwindigkeit des Geschehens kaum erkennen konnte.
Der Ring an meinem Finger wurde warm und schien zu glühen, als ich in tiefer Trance versunken auf die Geschehnisse starrte, die sich mir offenbarten. Ich konnte den heißen Zorn in Andrea Luca spüren, ihn gleichsam in meinem eigenen Körper fühlen, als er suchend durch den Palast schritt, bis er schließlich sein Ziel gefunden hatte.
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