rrsinn ist ein hartes Wort, aber es umschreibt ziemlich genau das Unterfangen, sein Buch auf eigene Faust veröffentlichen zu wollen.
Was auf den ersten Blick noch relativ harmlos wirkt, entpuppt sich mit der Zeit zu einem Krieg gegen den eigenen Text, den man irgendwann mal geschrieben und - Achtung! - korrigiert hat. So ist man am Anfang also relativ gelassen - schließlich denkt man sich, dass es mit einer weiteren Korrektur getan sein müsste, nimmt sich den schönen, alten Text und beginnt damit, ihn noch einmal zu bearbeiten. Also wird hier ein bisschen gestrichen, da ein bisschen umgeschrieben, man entfernt die gefundenen Fehler und ist eigentlich, wenn man am Ende ist, relativ sicher, dass jetzt alles fein ist.
Aber das ist es nicht. Weit gefehlt, denn wenn man seinen Text erneut kritisch beäugt, findet man neue Formulierungen, die daneben sind. Wieder Fehler, die doch eigentlich gar nicht mehr da sein dürften. Also fängt das Spiel von vorne an und man sagt sich: "Hey, nochmal drüber lesen, dann setzen und dabei nochmal gucken. Dann ist es gut."
Ist das so, ja? Oh, man sollte nie den Fehler machen, nach dieser getanen Arbeit das erste Kapitel erneut zu lesen. Denn Schwupps, da sind tatsächlich NOCH mehr Fehler, die man auch nach drei oder vier erfolgten Korrekturen nicht gefunden hat.
Aber alles der Reihe nach. Hat man seinen Text also soweit bearbeitet, dass man der Ansicht ist, er sei fertig zum Setzen, kommen die neuen Problemchen. Schließlich hat man noch nie etwas von Hurenkindern und Schusterjungen gehört. Ja, bitte was? Tatsächlich, so nennt man es, wenn Absätze in der ersten Zeile einer neuen Seite aufhören oder aber, wenn sie in der letzten Zeile einer Seite beginnen. Beides ist also unbedingt zu vermeiden, da es gedruckt hässlich aussieht und als grober Fehler gilt. Unser geliebtes Word macht zur Vermeidung dieser unschönen Sache noch etwas ganz und gar attraktives - es setzt einfach eine Leerzeile - oder auch mehrere, so wie es eben gerade Laune hat.
Eine gar großartige Hürde. Aber wie umschifft man diese?! Ausgiebige Recherche bringt es an den Tag - man umschifft sie gar nicht. Man kürzt Sätze oder schreibt eben neue dazu. Eine wunderbare Quelle für frische Fehler.
Noch dazu ist man schließlich kein Meister im Gebrauch des Schreibprogrammes und hat dieses eben bisher zu wenig mehr, als einfach nur zum Schreiben benutzt. Aber jetzt müssen die Feinheiten her. Einzüge am Beginn eines neuen Absatzes. Jawoll, wie?! Automatische Silbentrennung. Was? Schriftarten einbetten. Öh... Ah ja, und natürlich bitte französische Anführungszeichen.
Speziell die Letzteren sind ein klein wenig problematisch, muss man dazu doch das Programm auf uncharmante Weise austricksen, damit es die Dinger produziert. Einfach suchen, ersetzen? Nix da, das wäre ja viel zu einfach.
Doch mit all diesen Kleinigkeiten ist es noch lange nicht getan. Es wäre auch zu schön, wenn alles mit Technik allein zu lösen wäre. Hinzu kommt die emotionale Achterbahn. Denn schließlich ist man sein eigener Lektor. Man muss seinen Text hinterfragen, kritisiert jede Textstelle, prüft jeden Satz darauf, ob er sich irgendwie ungut anhört, ob es darin etwas gibt, das nicht so wirklich passen will. Ob er gar billig und ungeschliffen daherkommt. Und damit nähert man sich dem Wahnsinn ein ganzes Stück.
Man beginnt damit, Schreibforen zu konsultieren, so als seien die Kommakriege, die man austragen muss, nicht genug. Und da findet man neue Dinge, die man auf jeden Fall vermeiden sollte und stellt fest, dass man genau diese Dinge vielleicht selbst getan hat. Man findet abfällige Meinungen über die Thematik BoD, die neue Zweifel aufwerfen. Ist man denn etwa selbst einer dieser "an den letzten Halm Klammerer"? Ist man denn wirklich der Meinung, nicht gut genug zu sein, um in der Welt der richtigen Verlage zu bestehen? Auch wenn man eigentlich seine Gründe für das Vorgehen kennt und sehr genau weiß, wie die Chancen stehen, bei einem "richtigen" Verlag unterzukommen und man das gar nicht mehr will - die Zweifel sind gesät und machen sich unbarmherzig und nachhaltig breit. Wie steht man denn mit seinem Text da, wenn man ihn als BoD veröffentlicht?
Trotzdem macht man weiter, trifft dann auf die nächste Problematik, wenn man eigentlich schon beinahe mit der vierten Korrektur durch ist - Wortwiederholungen. Und da sind sie, die Webseiten selbsternannter Lektoren (und in diesem Falle tatsächlich selbsternannter, die Rede ist nicht von denen, die das als Job betreiben), die 100 böse Fehler auflisten, die man auf keinen Fall machen darf, die sie aber in eigenen Texten nichtsdestotrotz fein säuberlich begehen.
Aber was soll's, der Wahnsinn nimmt seinen Lauf und man fegt Wortwiederholungen aus seinem eigentlich fertigen Text, zweifelt einmal mehr jeden Satz an, regt sich über jeden doppelten Namen auf, dreht beinahe durch, weil 100 x das gleiche Wort vorkommt... nun, 100x auf 160000 vorhandene Worte, aber das macht ja nichts. Man streicht und streicht und streicht und merkt dann, dass man durch das ewige Streichen noch einmal einen komplett neuen Korrekturgang beginnen darf.
Und dann? Irgendwann muss Schluss sein und man entkommt dem Wahnsinn, wacht auf einmal wieder auf und erkennt, dass man vollkommenen Schwachsinn betreibt.
Denn auch in den Büchern, die man im Regal stehen hat, existieren Fehler. Und Wortwiederholungen in Massen, manchmal gut und gerne 5 auf einer Seite. Kein Mensch ist so verdammt gut, dass er wirklich jeden Fehler ausmerzen kann. Und es gibt keinen Text, in dem man jedes Wort nur ein einziges Mal schreibt. Es gibt etwas, das sich persönlicher Stil nennt und das man im Grunde unterdrückt, um sich der Meinung derjenigen zu unterwerfen, die sich eben für etwas Besseres halten und die sich das Recht nehmen, anderen zu sagen, wie es zu gehen hat. Auch wenn man selbst genau weiß, dass einem noch nie im Leben Wortwiederholungen aufgefallen sind. Das man die meisten Fehler in Büchern gar nicht erst entdeckt und sie für gut hält, wenn einfach nur die Geschichte stimmt und man sich gut und spannend unterhalten gefühlt hat.
Das kann nicht Sinn der Sache sein. Und bei allem Wahnsinn und Perfektionismus, dem puren Horror davor, dass man im fertigen, gedruckten Werk dann noch fiese Fehler findet, muss man eben aufhören und sich sagen, dass keiner perfekt ist. Man hat sein Bestes getan. Das muss einfach reichen. Und eigentlich ... tut es das auch.
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